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Markus M Baden-Württemberg

22Vollblut
BISHER GESPENDET
THEMA: Fragebogen
01.05.2020, 15:58 Uhr

Dürfen Schwule Blut spenden?

Gestern war ich Blut spenden.
Zum dritten Mal seit der Novelle der Richtlinien des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), welche MSM nicht mehr lebenslänglich von der Blutspende ausschließen.

Wie schon die letzten beiden Male beantwortete ich die Fragen, ob ich in den letzten 12 Monaten riskanten Sexualverkehr hatte, mit Nein.
Die Frage, ob ich schon einmal mit Männern Sex hatte, beantwortete ich mit Ja.

Zu meiner Überraschung sagte mir die für die Zulassung zur Blutspende verantwortliche Ärztin, dass Schwule eigentlich weiterhin von der Blutspende ausgeschlossen wären. Diese Regel hätte sich nicht geändert.

Meine zwei Fragen ans Forum:

1.
Wie sind eure Erfahrungen als Schwule seit der Richtlinienreform des PEI in 2017?

2.
Falls ihr für die Zulassung zur Blutspende zuständig seid:
Wieviel Prozent der Blutspendenden sind schwule Männer bzw. MSM?

Hier ist ein Link zu den neuen Richtlinien des PEI: https://t1p.de/pei

Aus meiner Sicht sind die Aussagen im Kasten "Spenderausschluss" recht eindeutig:
"... Der lebenslange Ausschluss von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), besteht damit nicht mehr. ..."

Ich vermute, dass die Situation, vor die ich die verantwortliche Ärztin gestellt habe, immer noch sehr selten sein dürfte.
Wir Schwule müssen halt einfach mehr Gesicht zeigen, damit wir auch von allen als integraler Teil unserer Gesellschaft wahrgenommen werden!

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Markus M
Baden-Württemberg
27.06.2020, 16:40 Uhr

Zur Info: Ich war gestern in der Keltenhalle in Rheinstetten-Mörsch Blutspenden. Der für die Zulassung zur Blutspende zuständige Arzt hat mich viel und detailliert gefragt, unter anderem auch wann ich zuletzt Sex mit Männern hatte. Eine Frage war aber nicht dabei: Ob ich schwul sei, das hat er nicht gefragt. Das ist auch keine Frage des Fragenkatalogs des "Vertraulichen Selbstausschlusses". Diese Fragen beziehen sich auf das Sexualverhalten und nicht auf die sexuelle Präferenz, also welches Geschlecht mich eher anspricht. Das sind zwei unterschiedliche Dinge und ihr Zusammenhang hat bekanntlich Freiheitsgrade. :-)

Damit bleibt meine eingangs geschilderte Erfahrung vom 30. April 2020 (siehe oben) weiterhin ein Einzelfall. Gut so. :-)

Ein ganz herzliches Dankeschön ans sehr freundliche Team vom Ortsverein Neuburgweier, das gestern die Blutspendeaktion in der Keltenhalle durchgeführt hat!

Liebe Grüße,
MaMü

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Ute S
Bayern
14.06.2020, 13:46 Uhr

Ich finde diese Regel dumm und antiquiert. Wenn Mann in einer festen Beziehung ist, beide gesund und treu sind, warum sollte das riskanter sein als bei Heten?

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Markus M
Baden-Württemberg
02.05.2020, 01:23 Uhr

Liebe Tanja, lieber Jörg,

vielen Dank für euer Feedback und dir Jörg herzlichen Dank auch für die fundierten Infos und Links zu den Quellen. :-) Sie zeigen die ganze Komplexität der Beziehungen zwischen der Verantwortung für die Sicherheit der Transfusions-Empfänger, dem vermutlich sehr heterogenen Infektionsrisiko von schwulem Sex, und etwaiger gesellschaftlicher Diskriminierung.

Eine Diskussion, die man bei uns zum Glück auf sehr hohem Niveau führen kann, zumindest, wenn man mit manchem unserer Nachbarländer vergleicht: https://t1p.de/dlf-pl

Noch ein paar Hinweise:

- In der ärztlichen Besprechung machte ich deutlich, dass ich zwar schon Sex mit Männern hatte, aber dies deutlich länger als 12 Monate zurückliegt, also genau so wie von mir im Fragebogen ausgefüllt.

- Die Feststellung, dass Schwule weiterhin generell kein Blut spenden dürften, korrigierte die Ärztin auch nicht, nachdem sie zur weiteren Klärung dieser Frage für wenige Minuten den Raum verlassen hatte.

- Dass die Ärztin mich dann doch zur Blutspende zuließ, erschloss sich mir streng logisch denkendem Menschen nicht. :-)

- Neun meiner bisherigen Blutspenden fanden im Zeitraum 1983 bis 1993 statt. Ab 1985 kam die HIV-Problematik auf und damit verbunden der Ausschluss von Schwulen vom Blutspenden.

- Erst viele Jahre später nahm ich mein ComingOut als Schwuler in Angriff, eine sehr interessante Erfahrung, die ich keinesfalls mehr missen möchte. :-) Auch wenn es vollkommen klar war, dass ich nach dem ersten schwulen Sex kein Blut mehr spenden werde (ganz unabhängig von meinem individuellen Ansteckungsrisiko).

- Meine zehnte bis zwölfte Blutspende fanden seit November 2019 statt, also nach der Novelle der Richtlinien des PEI.

- Solange ich über 12 Monate keinen riskanten Sexualverkehr hatte, kann ich seit der Novelle der Richtlinien diese Situation zum Blutspenden nutzen. Eine sinnvolle Aktivität bürgerschaftlichen Engagements. :-) Andererseits würde ich persönlich zum Beispiel in einer Beziehung nicht auf Sex verzichten, nur um Blut spenden zu können. Für mich hätte dann die Beziehung eindeutig Vorrang und ich würde kein Blut mehr spenden. Zum Blut spenden gäbe es immer noch genug Andere. :-)

- Nach wissenschaftlich begründeten Kriterien gebildete Gruppen von der Blutspende auszuschließen, um das Risiko für die Empfänger zu minimieren, finde ich sinnvoll. Diskriminierung würde ich erst dann sehen, wenn die Bildung der Kriterien nicht mehr wissenschaftlich nachvollziehbar wäre. In diese Richtung zielt die aktuelle Diskussion, ob die 12 Monate auf 3 Monate reduziert werden können, ohne das Risiko für die Empfänger zu erhöhen.

- Ich denke, es ist wichtig, wie Diskriminierung _empfunden_ wird. In der katholischen Kirche halte ich - zumindest bei neutraler Betrachtung von außen - Frauen für extrem diskriminiert. Wenn man aber mit in der katholischen Kirche engagierten Frauen spricht, behaupten immer noch erschreckend viele felsenfest, dass sie sich keineswegs diskriminiert fühlen. Ich habe noch nie von einer erhöhten Suizidrate von katholischen Frauen aufgrund ihrer massiven strukturellen Diskriminierung in der katholischen Kirche gehört (konkrete Missbrauchssituationen mal ausgenommen). Ganz anders in der jungen Queer-Community: Bei uns in Karlsruhe ist Suizidprävention hier durchaus ein wichtiges Thema (https://mm65.de/typo.html). Ich leite daraus ab, dass sich etliche in ihren Familien oder Freundeskreisen nicht akzeptiert fühlen. Ich könnte mir vorstellen, dass es jungen Schwulen ähnlich geht, wenn sie das erste Mal mit dem Blutspende-Fragebogen konfrontiert werden. Und dies, obwohl objektiv keine Diskriminierung vorliegt.

Liebe Grüße,
MaMü

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Jörg R
Baden-Württemberg
01.05.2020, 21:02 Uhr

Hallo Markus,

ich bin zwar weder Adressat von 1. noch von 2., aber ich wollte auch mal meine Einschätzung abgeben.
In der Tat besteht der frühere lebenslängliche Ausschluss von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) nicht mehr dank eines Urteils des EuGH (C‑528/13) (siehe: http://curia.europa.eu/juris/document/document.jsf?docid=164021&doclang=DE).
Seit diesem Urteil besteht "lediglich" eine Sperre von 12 Monaten. Sprich man darf nun als Schwuler Blut spenden, darf aber binnen 12 Monaten vor der Spende keinen Sexualverkehr mit einem Mann gehabt haben (auch in einer monogamen Beziehung). Diese Regelung wird von vielen Gruppen, die für eine weitere Öffnung plädieren als realitätsfremd kritisiert, da niemand für eine Blutspende 12 Monate vorher abstinent lebt.

Auf der Gegenseite bestehen wiederum Argumente, die sich auf epidemiologische Risikozahlen berufen, die ein signifikante Risiko ausweisen. Diese Zahlen wurden aber neuerdings im Vereinigten Königreich kritisiert und es wurde im New Scientist u.a. dargelegt, dass diese Sperrfrist weiter herabzusetzen keine signifikante Risikosteigerung zur Folge hat (siehe: https://www.newscientist.com/article/2225154-new-rules-for-gay-and-bisexual-male-blood-donors-found-to-be-safe/).
Unter anderem wurden so im UK mehrere Sperrfristen auf drei Monate verkürzt (siehe: https://www.newscientist.com/article/mg23531363-200-uk-relaxes-blood-donation-rules-for-gay-men-and-sex-workers/).

Ich schätze, dass mit der Zunahme von Präexpositionsprophylaxe (PrEP), die die HIV-Infektionswahrscheinlichkeit um bis zu 92% senken können, diese Sperrfristen herabgekürzt werden können, da diese Risikominimierung sich vermutlich auch in entsprechenden epidemiologischen Daten niederschlagen dürfte. Das braucht allerdings seine Zeit, bis es umgesetzt werden kann, zumal die derzeitigen Kapazitäten des PEIs wohl auf andere Punkte fokussiert ist.

Um noch auf die von dir geschilderte Situation einzugehen: Vermutlich dachte die Ärztin, dass du Sexualverkehr binnen 12 Monaten vor der Spende hattest und hat so ihr endgültiges Urteil basierend auf ihrer Einschätzung getroffen.

Ich hoffe, dass es eine medizinische Erleichterung auf Grundlage der epidemiologischen Daten gibt, damit auch du unbeschadet privater intimer Kontakte Blut spenden kannst.

Liebe Grüße!

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Franz Josef E
Rheinland-Pfalz
01.05.2020, 20:17 Uhr

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